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Buchbesprechung: India Flint. second skin

India Flint. second skin. choosing and caring for textiles and clothing. Murdoch Books. 2011. ISBN 978-1-74796-721-0

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Über die letzten vier Tage hinweg hatte ich ein fesselndes, amüsantes und spannendes Lesevergnügen. India Flints Schreibstil ähnelt inzwischen dem von Elizabeth Zimmermann in A Knitter's Almanach und besonders in Knitting Around. Er ist biographisch durchsetzt, geschrieben in einer sehr persönlichen Sprache und voller praktischer Hinweise und Tipps und trotz allem sehr bodenständig.

second skin ist meiner Meinung nach eines dieser wenigen must-have Bücher wenn man seine Garderobe umwelt- und ressourcenverträglicher machen möchte. Natürlich sind viele Gedanken und Hinweise nicht neu, aber sie sind in second skin gut lesbar verpackt und in einem Buch konzentriert zusammengefasst. Das allein macht es so empfehlenswert.

Falls es tatsächlich jemanden in der Färberinnenwelt geben sollte, der India Flint noch nicht kennt: Sie ist die Autorin von eco colour: botanical dyes for beautiful textiles. 2008 erschienen und schon ein Klassiker. Denn in ihm beschreibt sie bundle dyeing, leaf prints, hapa-zome und all die anderen spannenden Färbemethoden, die über aufkochen, abseihen, Fasern reinwerfen, wieder aufkochen hinausgehen und war damit ähnlich einflussreich im Gebiet der Färberei wie Jude Hill es bei den Quiltern ist oder Elaine Lipson beim Definieren von Slow Cloth war.

Dabei ist second skin kein (reines) Färbebuch, soviel vorweg. Es ist ein Buch über Textilien, ihre Herkunft, die verwendeten Ressourcen, wie unsere schnellwechselnde Mode unseren Planeten und alle Lebewesen, die damit zu tun haben zerstört und wie man es für sich selbst anders, besser machen kann. Und vor allen Dingen aber geht es um die eigene Haltung Textilien und Mode gegenüber.

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Machen wir uns nichts vor. Die Kleidungsindustrie zerstört unseren Planeten in einem ähnlichen Maß wie die Herstellung industrieller Lebensmittel es tun. Wir essen und tragen Erdöl in Form von Kühen, Mais, Soja, Baumwolle, Kunstfasern und synthetischen Farben (um nur ein paar wenige Dinge zu nennen). So wie das billige Supermarktfleisch eines Rindes den Gegenwert von ca 100 bis 120 Liter Öl darstellt*, so funktioniert unsere schnelle Mode auch nur dank des beständig von der Petrochemie angetriebenen Erdölmotors. Dem gilt es entgegenzuwirken und Bücher wie second skin helfen dabei. (Vorausgesetzt man kann Englisch, das große Manko an all diesen Büchern.)

Nach einer allgemeinen Beschreibung von Fasern und ihrer Herstellungsweise, geht es um interessante Themen wie 'Wahl der Bekleidung' (Clothing choices Kap. 3), 'Zusammenstellung der Garderobe' (Planning your Wardrobe, Kap. 4), die 'Herstellung von Bekleidung' (Making clothes, Kap. 5), was sich bei ihr besonders auf Nähen bezieht, und dann die für mich am wichtigsten Kapitel wie 'Pflege der vorhandenen Kleidung' inklusive Waschanleitungen (Maintanance, Kap. 6), vorhandene 'Kleidungsstücke einem neuen Zweck zuführen' (Repurposed and repurposing fashion, Kap. 8), 'Flicken, Filzen und im Zweifel Stoffschnüre herstellen' (When all else fails, Kap 9) und natürlich 'Färben' (Dyeing as if life depended on it, Kap. 10). Dazu kommt eine Galerie, in der bekannte und weniger bekannte Textilkünstlerinnen vorgestellt werden. Natürlich findet sich Jude Hill dort wieder, ebenso wie Christine Mauersberger aber auch für Europäerinnen vielleicht unbekanntere Namen wie Emma Christie, Holly Story und etliche andere mehr.

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Optisch erinnert second skin an eco colours. Was durchaus Sinn macht, zeigen doch die meisten Bilder Werke von India Flint und die zeichnen sich einfach durch einen leicht wiedererkennbaren Stil aus. Die schöne Aufmachung und die qualitativ hochwertige Bindung lassen das Buch ebenso zu einem Lesebuch für Nachtisch wie ein repräsentatives Buch für den Wohnzimmertisch (coffee table book) sein. Womit dann auch wieder der relativ hohe Preis von kanpp 30 EUR gerechtfertigt wäre.

India Flint gehört zu den Handwerkspersonen, die mich mit am meisten beeinflusst haben und immer wieder neu inspirieren. Für mich steht sie in derselben Reihe wie Priscilla Gibson-Roberts, Elizabeth Zimmermann und Kaffee Fasset. Menschen, die anregen und kreativ verändern wollen und ihr Geld nicht allein dadurch verdienen, dass sie ein Anleitungsbuch nach dem anderen schreiben. In second skin schreibt India Flint voll aus meinem Herzen, auch wenn ich sicher nicht in ein paar Jahren rumlaufen werde wie eine kleinere Ausgabe von ihr. Denn reine gedankenlose Nachahmung ist nicht ihr Ziel. War es schon nicht bei eco colours und ist es wieder nicht bei second skin. Das Ziel ist Denken zu verändern, eine eigene Haltung zur eigenen zweiten Haut, unserer Kleidung, zu finden, die mit einem Leben auf diesem Planeten vereinbar ist. Es geht um ein bewussteres Erleben unserer näheren Umgebung und unseres eigenen Lebens. Und all das schafft sie in ihrem bodenständigen Stil ganz ohne Esoterik. Wofür ich ihr wirklich dankbar bin.

Da ich selbst nähe, fand ich natürlich besonders ihre Kapitel über die Pflege und das neu Aufbereiten von Kleidungsstücken spannend. Sie beschreibt hier Näh- und Flicktechniken, wie man unterschiedliche Materialien am besten wäscht, bzw warum es in den meisten Fällen gar nicht nötig ist zu waschen und sie stellt verschiedene Grundformen von Kleidungsstücken vor, die eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen und beschreibt wie man sie am besten herstellt. Sie geht auf Fragen ein, wie viele Kleidungsstücke ein Mensch eigentlich wirklich braucht und bietet Hinweise, wie man seine eigene Garderobe am besten an die eigenen Bedürfnisse anpasst. Besonders spannend fand ich ihre Methoden wie man den besten Stil für sich selbst findet. Auch ihr Färbeteil bringt neue Erkenntnisse, auch wenn er natürlich nicht so ausführlich sein kann wie ihr letztes Buch eco colour. Es ist also für reine Färberinnen nicht ganz vergeudet. Wobei der Färbeteil natürlich nur einen sehr geringen Anteil am ganzen Buch hat.

Natürlich muss man bedenken, dass sie einen Idealzustand beschreibt, den auch sie nicht vollkommen erfüllt. Denn auch sie kauft immer noch neue Seide und neue Wollstoffe für ihre Theaterkreationen und reist vor allen Dingen mehrfach im Jahr durch die Welt, in der Regel – wie ich annehme – im Flugzeug. Ihr Zuhause hat sie auf einer australischen Farm mit Schafen, Hühnern und Pferden und einem alten Schmiedegebäude mit offenem Kamin, über dessen Feuer sie ihre Eukalyptus-Färbungen macht. Und ihre Eukalyptusblätter sammelt sie in der näheren Umgebung aus Windbruch. So wie ihr Kleidungsstil nicht auf alle Menschen übertragbar ist, so kann auch ihr Lebensstil nicht eins zu eins übertragen werden. Gerade für uns städtische Europäerinnen ist immer eine Transferleistung beim Lesen notwendig. Unsere bio-regionale Lebenserfahrung sieht einfach anders aus. Aber genau darum geht es eben. Eine eigene Beziehung zu unserer eigenen Bio-Regionalität zu unserem eigenen Lebensraum zu finden. Und India Flints Hinweise, Techniken und Ideen, die Anregungen anders mit unserer zweiten Haut umzugehen, können wir jederzeit auf unser Leben übertragen und einfließen lassen.

Ich bedauere es sehr, dass sich noch kein Verlag gefunden hat, der bereit ist beide Bücher übersetzen zu lassen. (Falls ein Verlagsrepräsentant hier mitlesen sollte: ich bin übrigens Übersetzerin von Hause aus und beherrsche aufgrund meiner jetzigen Tätigkeit das entsprechende Lexikon.)

Wer übrigens mehr Hintergründe über die Entstehung unserer Kleidung haben will und wie fast fashion überhaupt zustande kam, sollte Lucy Siegles Buch To Die For. Is Fashion Wearing out the World. 2009 lesen. Leider auch nur auf Englisch erhältlich.

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*Michael Pollan. The Omnivore's Dilemma. 2007 (auch auf Deutsch erhältlich)


Handspindel 04.08.2011, 08.53

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Kommentare zu diesem Beitrag

6. von Anke

Ganz herzlichen Dank für diese wunderbare Buchbeschreibung. Ein Glück hatte ich mal Englisch und habe nun so schon einen schönen Weihnachtswunsch. Unterstütze aber auch die Übersetzungswünsche derjenigen, die nicht mit Englisch aufwuchsen. herzliche Grüße Anke

vom 10.09.2011, 11.50
5. von Bettina

seufz, another must-have :) ) das doofe an all diesen (guten)buecher ist - dass sich die allermeisten leute das buch meist dann kaufen, wenn sie sowieso schon zu dieser "richtung" tendieren - die, die gedankenlos weiter billigkrempel kaufen, werden es mit grosser wahrscheinlichkeit nie anfassen :(

vom 04.08.2011, 22.41
4. von Sprotte

Ich finde, Jana hat Recht. Willst du Janas Kommentar nicht mal Marion Käsmayr zeigen?

vom 04.08.2011, 14.13
3. von Brigitte

Eine interessante Buchbesprechung, die mich neugierig macht auf das Buch.
Danke dafür.
Liebe Grüße
Brigitte

vom 04.08.2011, 13.13
2. von Csilla

ich habe sehr gefreut über dieses tolle Buch auf Deutsch so schön zu lesen. Du hast so toll das Buch zusammengefast.
Ich habe das Buch auch und mit vollem Genuß durchgeblätter, nur leider englisch (deutsch auch) nicht meine Stärke. Wäre super eine Übersetzung.

vom 04.08.2011, 10.27
1. von Jana

Einmal mehr bin ich traurig darüber, nicht mit Englisch als Zweitsprache aufgewachsen zu sein. Wie sehr würde ich es begrüßen, dass sich ein Verlag findet, der die beiden Bücher auf deutsch herausbringen will. Könnten wir Färberinnen, Filzerinnen, Spinnerinnen, Näherinnen uns nicht irgendwie dafür einsetzen? Vielleicht sollten wir mal beim Haupt-Verlag anfragen? Wenn Du es schon so anbietest, die Übersetzung zu übernehmen...
Herzliche Grüße und vielen Dank für Deine anregende Buchbesprechung!
Jana

vom 04.08.2011, 10.23
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